Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 2020_014 - 22.04.2020

DGB Südosthessen mit neuer Geschäftsführung

„Geschenkt gab es halt noch nie was“

Tanja Weigand

Foto: privat

Seit dem 01.04.2020 ist Tanja Weigand die neue Geschäftsführerin der DGB-Region Südosthessen. Sie übernimmt die Aufgabe in herausfordernden Zeiten.

Weigand wird das Engagement des DGB in der Region für gute Arbeit und den Ausbau der Tarifbindung fortsetzen. „Unternehmen die öffentliche Aufträge erhalten, sollten tarifgebunden sein.“ so Weigand, „Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, wer öffentliche Gelder, zum Beispiel die aktuellen Soforthilfen, erhält und noch nicht tarifgebunden ist, sollte sich schnellstmöglich zu Tarifverhandlungen verpflichten.“

Aktuell befände sich ein Großteil der Betriebe in der DGB-Region Südosthessen in Kurzarbeit. Zehntausende Beschäftigte seien davon betroffen. Mit dem gesetzlichen Kurzarbeitergeld von 60 bzw. 67% die laufenden Kosten weiter zu decken sei schwierig, in vielen Fällen sogar existenzbedrohend. Dort wo Aufstockungen gezahlt würden, geschehe das auf Grundlage einer Betriebsvereinbarung bzw. eines Tarifvertrags. „Mitbestimmung lohnt sich. Dort wo die Belegschaft gewerkschaftlich stark organisiert ist, werden Aufstockungen auf durchschnittlich 80-90% gezahlt, manchmal sogar darüber. Freiwillig stocken die Arbeitgeber nicht auf. Geschenkt gab es halt noch nie was.“ schlussfolgert Weigand.

Trotzdem sei darüber hinaus die Politik gefragt. Die Arbeitgeber sollten verpflichtet werden, von den 100% erstatteten Sozialabgaben, zumindest die Hälfte an die Beschäftigten weiter zu geben. Um soziale Härten und Existenznöte zu verhindern, sei es jedoch kurzfristig notwendig, auch Beschäftigte in nicht tarifgebundenen Bereichen zu unterstützen. Die Unionsparteien blockierten aktuell weitere Regelungen zur Aufstockung. „In den Sonntagsreden beklatscht man die Beschäftigten, montags verwehrt man Ihnen den minimalsten Anteil. Unternehmen bekommen Milliarden, Arbeitnehmer/innen stehen mit leeren Taschen da. Das hat mit echter Wertschätzung nichts zu tun.“ so die Gewerkschafterin. Das Ende der Krise sei außerdem, trotz der aktuellen Lockerungen, noch nicht absehbar. Bis beispielsweise internationale Lieferketten wieder hochgefahren seien, könne es noch Monate dauern.

Auch der fortgesetzte Einsatz gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus steht auf ihrer Agenda. Der DGB und seine Einzelgewerkschaften stünden in der historischen Pflicht sich gegen solche Auswüchse einzusetzen. Am 02. Mai jährt sich die Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten. Aber auch heute noch, 87 Jahre später, fordere rechtes Gedankengut Menschenleben. Gut zwei Monate nachdem in Hanau ein Rechtsextremer neun Menschen, seine Mutter und sich selbst erschossen hatte, sei das Engagement gegen rechts aktueller denn je. Diese abscheuliche Tat gerate durch Corona aktuell leicht in den Hintergrund. Die Betroffenen, die grade in der aktuellen Krise noch mehr unter Alltagsrassismus, rechten Verschwörungstheorien und ähnlichem zu leiden hätten, könnten das allerdings nicht so leicht verdrängen. „Wir dürfen das nicht vergessen. Das war ein Angriff auf uns alle.“ sagte Weigand. Sehr beeindruckt und bewegt hätten sie die Zehntausenden von Menschen, die nach der Bluttat von Hanau überall im Land auf der Straße waren und deutlich gemacht hätten, dass die Mehrheit für Vielfalt, Solidarität und ein friedliches Miteinander sei. „An der Seite dieser Menschen stehen die Gewerkschaften.“ so Weigand weiter.

Neben der Transformation der Arbeitswelt, die speziell die Gewerkschaften vor besondere Herausforderungen stelle, seien Themen wie bezahlbarer Wohnraum, aber auch eine immer schlechter werdende Infrastruktur im ländlichen Raum aktuell. Außerdem habe die Corona-Krise gezeigt, dass mühsam erkämpfte Dinge wie Höchstarbeitszeit, Arbeitssicherheit oder Mitbestimmung sehr fragil seien. Dazu Weigand: „Wir sollten sehr wachsam bleiben, wie sich das weiterentwickelt und müssen überall dort zur Stelle sein, wo Arbeitsbedingungen zu Lasten der Beschäftigten verschlechtert werden sollen. Ob mit oder ohne Corona.“

 

Tanja Weigand war seit 2010 in unterschiedlichen politischen und gewerkschaftlichen Bereichen, beispielsweise bei der IG Metall tätig, unter anderem in der Jugendarbeit, Rechtsberatung, Gremienarbeit sowie unterschiedlichen Projekten gegen Rassismus. Sie kommt ursprünglich aus dem Main-Kinzig-Kreis, war jedoch von 2016 bis zuletzt politische Sekretärin der IG Metall in Nordrhein-Westfalen und dort zuständig für gewerkschaftliche Erschließungsarbeit.


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